Denkmaldatenbank
Unité d'Habitation Typ Berlin, Corbusier-Haus
09040533 | |
Bezirk | Charlottenburg-Wilmersdorf |
Ortsteil | Westend |
Adressen | Flatowallee 16 |
Denkmalart | Gesamtanlage |
Sachbegriff | Wohnhochhaus & Jugendheim |
Datierung | 1956-1958 |
Entwurf | Le Corbusier (Architekt) |
Entwurf | Hinssen, Felix (Architekt) |
Bauherr | Neue Heilsberger Dreieck (Grundstücksgesellschaft) |
Ausführung | Skelettbau |
Bauherr | "Thomashof" Grundstücks-AG |
Östlich der Flatowallee liegt mit dem sog. Heilsberger Dreieck eine natürliche Erhebung. Sie wird zudem im Norden von der Stadtbahn mit dem Bahnhof Olympiastadion und im Osten und Süden von der im Bogen geführten Heilsberger Allee begrenzt. Die exponiert topografische Lage erschien prädestiniert, um hier 1956-58 unter der heutigen Adresse Flatowallee 16 die weithin im Stadtraum wirksame Hochhausscheibe der Unité d'Habitation Typ Berlin nach Plänen des damals bereits international renommierten Architekten Le Corbusier zu erbauen. (1) Das von der Grundstücks-Aktiengesellschaft "Heilsberger Dreieck" realisierte Wohnbauprojekt war ein wichtiger Beitrag zur Internationalen Bauausstellung 1957. Die schweren Kriegszerstörungen des zuvor dicht bebauten Hansaviertels in Tiergarten wurden zum Anlass für die Bauausstellung in Berlin genommen und das Quartier städtebaulich neu organisiert. Zukunftsweisende Modellbauten sollten Visionen moderner Stadtplanungen vorstellen und zugleich die wirtschaftliche Stärke und Überlegenheit des geopolitisch isolierten Westteils der Stadt gegenüber Ost-Berlin demonstrieren. Die Planungen standen ganz im Gegensatz zur Bebauung der Stalinallee, dem architektonischen Prestigeobjekt Ost-Berlins, und sahen eine aufgelockerte und großzügig durchgrünte Stadtstruktur mit Punkt- und Scheibenhochhäusern, Zeilen- und Bungalowbauten sowie zahlreichen öffentlichen Einrichtungen vor. Den Erfolg der wegweisenden Bauausstellung begründeten auch die geladenen, national wie international bedeutenden Architekten wie Wassili Luckhardt, Walter Gropius, Alvar Aalto, Arne Jacobsen, Sep Ruf, Hans Schwippert, Max Taut, Egon Eiermann und Oscar Niemeyer. Mit 527 Wohnungen umfasste Le Corbusiers "unité de grandeur conforme" (2), Wohneinheit angemessener Größe, annähernd die Hälfte des Wohnbauvolumens der Interbau, wurde jedoch nicht im Hansaviertel errichtet, da aufgrund ihrer Dimensionen "die städtebauliche Ordnung des neuen Stadtteils gestört worden wäre." (3) In unmittelbarer Nähe bestehender architektonischer Großstrukturen wie dem Olympiastadion wurde die Unité daher als "Interbau Objekt außerhalb des Hansaviertels" (4) in Charlottenburg realisiert und bildet seitdem eine neue Stadtkrone an der Heerstraße. Sie umfasst oberhalb eines sieben Meter hohen Freigeschosses bei einer Breite von 23 m und einer Länge von beinahe 140 m insgesamt 17 Wohngeschosse und erreicht damit eine Höhe von etwa 55 m. (5) Um das Plateau für die Stampfbeton-Fundamente dieses gewaltigen streng von Norden nach Süden orientierten Bauriegels vorzubereiten, waren umfangreiche Erdarbeiten notwendig. Der Baukörper schneidet im Norden etwas in die Erhebung ein, während Aufschüttungen im Süden die Hangkante modulieren und die Unité gegenüber Heerstraße und Heilsberger Allee zusätzlich überhöhen. Konzeptionell geht die Wohnform auf Le Corbusiers städtebauliche Theorie der "ville radieuse" (6), der strahlenden Stadt, zurück. Dabei sah er von großzügigen Freiräumen durchzogene Stadtstrukturen vor, die den Autoverkehr abseits der in Grünflächen eingebetteten Großwohnblöcke organisieren. Nur etwas mehr als 10 Prozent der Flächen sollten im Kontrast zu den dichten historischen Strukturen europäischer Städte überbaut werden und aufgeständerte Häuser letztendlich den gesamten Stadtraum der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Die Idee der Unité d'habitation erscheint dabei als autark organisierter Baustein dieser städtebaulichen Megastruktur. Schon vor der Interbau hatte Le Corbusier 1947-52 die Unité von Marseille und 1952-53 jene von Nantes-Rezé realisiert und sein Konzept bereits überprüfen und anpassen können. Der über scheibenförmige Stützen aufgeständerte Baukörper ermöglicht auch in Berlin Freiflächen unterhalb des Hauses und die etwas abgeschiedene Hügellage schafft eine Distanz zum Autoverkehr der nahegelegenen Straßen. Auch die Idee der "cité-jardin-verticale" (7), einer vertikalen Gartenstadt, welche den Bewohnern aufgrund der konzentriert angeordneten Wohneinheiten das Leben in unmittelbar benachbarten durchgrünten Freiräumen ermöglicht, spiegelt sich in der Konzeption der Unité wider. Die Bauprozesse wurden weitgehend rationalisiert und Stützen, Etagendecken sowie der Aufzugsschacht im Osten als Stahlbetonskelett realisiert, während die Wohnungstrennwände aus Betonfertigteilen und die Zwischenwände aus Gipskarton erstellt sind. Lediglich neun der 17 Etagen werden vom Aufzug angedient. Sie verfügen mit den sog. "rues intérieurs" (8), Innenstrassen, über ausschließlich künstlich belichtete zentrale Korridore über die gesamte Gebäudelänge. Die häufig als Maisonetten über zwei Geschosse ausgebildeten Wohnungen sind in drei verschiedenen Typen organisiert. Sie liegen der Schottenbauweise entsprechend parallel nebeneinander und sind vertikal verklammert. Die neun Innenflure werden dadurch umschlossen und es können Etagen ohne Erschließung ausgebildet werden. Kleine Einzimmerwohnungen vom Typ B umfassen auf 32 Quadratmetern neben dem Wohn-Schlafraum lediglich Korridor, Küche und Waschraum. Mit 61 Quadratmetern besitzen die Zweiraumwohnungen vom Typ C beinahe die doppelte Wohnfläche und sind auf zwei Etagen organisiert, denn Schlafraum und Bad werden von der Wohnebene abgesetzt über eine Treppe erreicht. Schließlich bestehen auch einige Dreizimmerwohnungen vom Typ E. Sie verfügen auf zwei Ebenen über 100 Quadratmeter und sind um einen zweiten Schlafraum erweitert. Die Schlafebene ist bei diesem Typ über die gesamte Etagenbreite von Westen nach Osten durchgesteckt und die Wohnung somit von zwei Seiten natürlich belichtet. Allerdings sah die Bauverwaltung die Unité weniger für Familien als für Alleinstehende und kinderlose Paare geeignet, weshalb nur etwa 18 Prozent der Wohnungen über drei Räume verfügen. (9) Auch die Raummaße entsprechen nicht Le Corbusiers ursprünglicher Konzeption, die auf dem ihm eigenen Modulor-Maßsystem aufbaute, und wurden den Vorgaben des sozialen Wohnungsbaus angepasst. Küchen waren mit Einbaumöbeln und Durchreichen ausgestattet und alle Wohnungen verfügen über einen, Dreizimmerwohnungen über zwei Balkone. (10) Dabei bildet sich die Grundrissorganisation im Raster der Fassaden ab, das entsprechend der anschließenden ein- bzw. zweigeschossig organisierten Wohneinheiten variiert. Le Corbusier vertraute bei der Außengestaltung ganz im Sinne des Brutalismus auf die Tektonik und Materialität der Konstruktion. Neben dem "beton brut", dem nach Entfernung der Schalung unbearbeiteten Beton, beleben die Ansichten im Osten, Süden und Westen vor allem die nach Vorgaben farbig gefassten Innenwandungen der Balkone. Ursprünglich waren stattdessen nach Vorbild von Marseille bunte Markisen vorgesehen. Veränderungen des Unité-Konzeptes betrafen in Berlin auch die zunächst im siebten Geschoss vorgesehenen Versorgungseinrichtungen, die letzten Endes auf eine Waschküche reduziert wurden. Im Erdgeschoss konnten noch ein Selbstbedienungsladen und eine Poststelle eingerichtet werden. Auf die Ausführung der "installations des services communs" (11), der gemeinschaftlichen Einrichtungen, wurde somit weitgehend verzichtet. Damit kam eine der wesentlichen Idee Le Corbusiers, welche die Unité zu einer autarken eigenständigen Stadt hätte erheben sollen, nicht zum Tragen. Die zahlreichen, aufwendig über den bauleitenden Berliner Architekten Felix Hinssen mit dem Pariser Büro Le Corbusiers kommunizierten Änderungen des ursprünglichen Konzeptes waren so umfangreich, dass sich der Architekt schließlich vom Bauprojekt distanzierte und dies in der Zusatzbezeichnung "Typ Berlin" deutlich machte. So vermochte auch das 1956 von Felix Hinssen östlich der Hochausscheibe erbaute ehemalige Jugendheim das Fehlen der Gemeinschaftseinrichtungen in der Unité nicht zu kompensieren. Heute wird der zweiflügelige, eingeschossige Putzbau mit Flachdach als Kindergarten genutzt. 1979 in Wohneigentum umgewandelt, präsentiert sich die Unité noch heute als städtebaulich überaus markanter Beitrag der Interbau. Sie gibt dabei nicht nur wegweisende, mitunter utopische Maßstäbe für den Städtebau vor, sondern dokumentiert über konzeptionell grundlegende Veränderungen zugleich die Baurealität für virtuose Architekturideen im sozialen Wohnungsbau.
(1) Bauakten BWA-Charlottenburg, Flatowallee 16, Band 1-29; Weitz, Ewald/Friedenberg, Jürgen (Redaktion): Die Interbau Berlin 1957, Berlin 1957, S. 161-164; Senator für Bau- und Wohnungswesen, Berlin-West (Hrsg.): Wiederaufbau Hansaviertel Berlin. Interbau 1957, Darmstadt 1957, S. 202-205; Müller-Reppen, Fritjof (Hrsg.): Le Corbusiers Wohneinheit am Heilsberger Dreieck "Typ Berlin", Berlin 1958; Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Stadt und Bezirk Charlottenburg, bearb. von Irmgard Wirth, Text- u. Tafelband, Berlin 1961, S. 454-455; Akademie der Künste (Hrsg.): Bauen in Berlin 1900-1964, Berlin 1964, S. 132; Boesinger, Willy/Girsberger, Hans: Le Corbusier 1910-65, Zürich 1967, S. 152-153; Rave, Rolf/Knöfel, Hans-Joachim: Bauen seit 1900 in Berlin, Berlin 1968, Nr. 185 (S. 145); Boesinger, Willy: Le Corbusier, Zürich 1972, S. 198-199; Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten, Teil IV, Wohnungsbau, Bd. B, Die Wohngebäude, Mehrfamilienhäuser, Berlin-München-Düsseldorf 1974, S. 631, Nr. 1271; Börsch-Supan, Eva u. Helmut: Berlin, Kunstdenkmäler und Museen, 2. Aufl. Stuttgart 1977 (Reclam, Kunstführer Deutschland), S. 475-276; Ribbe, Wolfgang (Hrsg.): Von der Residenz zur City - 275 Jahre Charlottenburg, Berlin 1980, S. 605; Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz (Hrsg.): Tag für Denkmalpflege in Berlin 1988, Berlin 1990, S. 82; Börsch-Supan, Eva u. Helmut/Kühne, Günther/Reelfs, Hella: Berlin, Kunstdenkmäler und Museen, 4. Aufl. Stuttgart 1991 (Reclam, Kunstführer Deutschland), S. 299-300; Wörner, Martin/Mollenschott, Doris/Hüter, Karl-Heinz: Architekturführer Berlin, 5. Aufl. Berlin 1997, S. 140, Nr. 226; Dolff-Bonekämper, Gabi/Schmidt, Franziska: Das Hansaviertel. Internationale Nachkriegsmoderne in Berlin, Berlin 1999, S. 183-190; Bauen in Berlin, 1900-2000, hrsg. v. Josef Paul Kleihues, Jan Gerd Becker-Schwering, Paul Kahlfeldt, Ausstellungskat., Berlin 2000, S. 256; Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Berlin, bearb. v. Sibylle Badstübner-Gröger, Michael Bollé, Ralph Paschke u. a., 3. Aufl., durchgesehen u. ergänzt v. Michael Bollé, München-Berlin 2006, S. 246-247; Schulz, Stefanie/Schulz, Carl-Georg: Das Hansaviertel. Ikone der Moderne, Berlin 2007, S. 132-137.
(2) Wiederaufbau Hansaviertel Berlin. Interbau 1957, hrsg. vom Senator für Bau- und Wohnungswesen, Berlin (West), Darmstadt 1957, S. 205.
(3) Weitz, Ewald/Friedenberg, Jürgen (Redaktion): Die Interbau Berlin 1957, Berlin 1957, S. 162.
(4) Weitz, Ewald/Friedenberg, Jürgen (Redaktion): Die Interbau Berlin 1957, Berlin 1957, S. 161.
(5) Die Maßangaben orientieren sich an der Baubeschreibung im Bauaktenarchiv Berlin-Charlottenburg/Wilmersdorf: Bauakte BWA-Charlottenburg, Flatowallee 16, Band 14, fol. 211. In der Literatur werden mitunter leicht abweichende Angaben gemacht, z.B. in Weitz, Ewald/Friedenberg, Jürgen (Redaktion): Die Interbau Berlin 1957, Berlin 1957, S. 162: "., ist 135 m lang, 23 m breit und 56 m hoch." (6) Boesinger, Willy/Girsberger, Hans: Le Corbusier 1910-65, Zürich 1967, S. 332.
(7) Zitiert nach: Le Corbusier (Charles-Édouard Jeanneret): Pläne für Algier und Bacelona und "cité-jardin-verticale", Zeichnung vom 27.11.1935, 110 x 278,1 cm, Museum of Modern Art, New York, Objektnr. 1602.2000.
(8) Original und Übersetzung zitiert nach: Weitz, Ewald/Friedenberg, Jürgen (Redaktion): Die Interbau Berlin 1957, Berlin 1957, S. 163.
(9) Vgl. Weitz, Ewald/Friedenberg, Jürgen (Redaktion): Die Interbau Berlin 1957, Berlin 1957, S. 162.
(10) Vgl. Wiederaufbau Hansaviertel Berlin. Interbau 1957, hrsg. vom Senator für Bau- und Wohnungswesen, Berlin (West), Darmstadt 1957, S. 205.
(11) Boesinger, Willy/Girsberger, Hans: Le Corbusier 1910-65, Zürich 1967, S. 138.
Literatur:
- BusB IV B 1974 / Seite 631
- Berliner Baubuch, 1957 / Seite 46f.
- Rave/ Knöfel: Bauen seit 1900, 1968 / Seite 185
- Bauwelt 46 (1955) / Seite 797, 836f.
- Bauwelt 47 (1956) / Seite 617, 1191, 585, 1091
- Bauwelt 48 (1957) 24 / Seite 585, 592-593
- Le Corbusier, Ausstellungskatalog 7.-27.09.1957, Berlin,1957 / Seite 31-33, 41, 71
- Hagemann: Das neue Gesicht Berlins, 1959 / Seite 22-23
- BezirksamtCharlottenburg (Hrsg.): Charlottenburg - Ein Vierjahresbericht des Bezirksamtes Charlottenburg von Berlin 1957-1960, Berlin 1960 / Seite ...
- Boesiger/ Girsberger: Le Corbusier 1910-65, Zürich 1967 / Seite 299-300
- Kunstführer Berlin, 1991 / Seite 497, 605
- Von der Residenz zur City, 1980 / Seite 165-171
- Hatje: Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts,Stuttgart 1983 / Seite 36-37
- Bauen in Deutschland. Führer durch die Architektur des 20. Jahrhunderts in der BRD und West-Berlin, Stuttgart 1987 / Seite 373-374
- Lexikon der Weltarchitektur, München 1987 / Seite 77, 82
- Tag für Denkmalpflege in Berlin 1988, Berlin 1990 / Seite 223f.
- Bauen und Wohnen 12 (1957) / Seite .
- Tagesspiegel 12.02.1993 / Seite .
- Berliner Zeitung 11.02.1993 / Seite .
- Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Unité d´habitation, Typ Berlin - Das Corbusier-Haus in Berlin, Denkmalpflegeplan, Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Heft 23, Berlin 2007 / Seite 272f.
- Lorenz, Werner; May, Roland; Staroste, Hubert: Ingenieurbauführer Berlin, Petersberg 2020 / Seite 454f.
- Inventar Charlottenburg, 1961
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