Denkmaldatenbank
Königliche akademische Hochschule für Musik
09040482 | |
Bezirk | Charlottenburg-Wilmersdorf |
Ortsteil | Charlottenburg |
Adressen | Fasanenstraße 1B |
Denkmalart | Gesamtanlage |
Sachbegriff | Hochschule & Konzertsaal |
Datierung | 1898-1902, 1952-1954, 1971-1975 |
Umbau | 1927 |
Entwurf | Baumgarten, Paul (Architekt) |
Entwurf | Weißgerber, Otto (Architekt) |
Entwurf | Kayser und von Großheim (Architekt) |
Bauherr | Senat von Berlin |
An der Fasanenstraße entlang zieht sich das Gebäude der ehemaligen Königlichen akademischen Hochschule für Musik, Fasanenstraße 1B, das heute die Fakultäten Musik und Darstellende Kunst der Universität der Künste beherbergt. Wie die benachbarte Hochschule der Künste wurde es 1898-1902 errichtet durch Kayser & von Großheim als lang gestreckter Komplex mit einem Verwaltungstrakt, der nördlich und südlich flankiert wird von zwei Saalflügeln für Konzert- und Theatersaal. Damit wurden erstmals die in der gesamten Stadt verstreuten Abteilungen der Musikhochschule zusammengefasst. (1) Der Bauteil für den großen Musiksaal, der mit einem markanten, mit überkuppeltem Vestibül und Tempelfassade ausgezeichneten Kopfbau an der Ecke Hardenberg- und Fasanenstraße den gestalterischen Zusammenhang der beiden Hochschulen deutlich machte, wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Mit dem 1952-54 ausgeführten neuen Konzertsaal nach Entwurf von Paul G. R. Baumgarten wurde der Stilarchitektur der Jahrhundertwende ein moderner Baukörper entgegengesetzt. (2)
Die Fassadengestaltung des erhaltenen 160 Meter langen, viergeschossigen Verwaltungsbaus entspricht in ihrer neobarocken Formensprache dem Hauptgebäude der Kunsthochschule und weist mit einem mittleren und zwei seitlichen Pavillons eine gleichartige Struktur auf; in den Details ist sie jedoch zurückhaltender. Besonders betont ist nur das mit Kartusche und Ziervasen reich geschmückte, von Säulen flankierte Hauptportal im Mittelrisalit, der von einem reliefverzierten Dreiecksgiebel überfangen wird. Im Inneren der Vierflügelanlage um drei Innenhöfe waren Büro-, Übungs- und Unterrichtsräume sowie Dienstwohnungen angeordnet.
An der Südseite des Altbaus schließt sich der verglaste Stahlbeton-Skelettbau auf den alten Fundamenten des großen Konzertsaals an. Baumgartens Entwurf (3) nimmt lediglich an der Fasanenstraße Bezug auf den Verwaltungsbau, indem er die gegenläufig zum Saaldach geschwungene Fassade an dessen Stockwerkstrennung angleicht. Die 2003 restaurierte Glasfassade des Konzertsaals ist asymmetrisch gegliedert, der viertürige Eingang mit einem weit auskragenden Vordach (4) ist aus der Mittelachse gerückt. Ein zweigeschossiges Foyer mit Windfang und zwei asymmetrisch angeordneten Treppen führen in das Innere. Im Erdgeschoss empfangen die abstrakte Messingskulptur "Concerto" von Hans Uhlmann und im Obergeschoss ein Wandbild von Theodor Werner die Besucher. 2004 wurde das Foyer einschließlich des Wandbildes und der Skulptur restauriert. Der Saal auf rechteckigem Grundriss ist aus akustischen Gründen auf halber Höhe rhombenförmig aufgeweitet. Zu der besonderen Akustik, für die der Saal schnell berühmt wurde, trägt auch die abgehängte Decke bei, die 2014 erneuert wurde. (5)
Als Ersatz für den kleinen Musiksaal am nördlichen Ende des Komplexes entwarf Paul Baumgarten ab 1963 einen Theater- und Probensaal, der zu den modernsten seiner Zeit zählte. (6) Ausgeführt wurde der Bau 1971-75. Die lange Entstehungszeit war begleitet von einer Diskussion um den zeitgenössischen Theaterbau, die beeinflusst war von der Integrierung der Max-Reinhardt-Schule in die Musikhochschule. Die Bühne entwickelte der Architekt zu einem experimentellen Raum, der alle Varianten des modernen wie auch des traditionellen Theaterspiels ermöglichte. Zu berücksichtigen waren dabei auch das Volumen des Vorgängerbaus sowie die Tatsache, dass die Studiobühne nicht den Anforderungen eines öffentlichen Theaters zu entsprechen hat. Daher verzichtete Baumgarten auf einen repräsentativen Eingang. Lehrer und Studierende gelangen vom Verwaltungsgebäude in den Neubau. Dem Charakter als Probensaal entsprechend ist der Zuschauerraum offen, Bühnentechnik und -beleuchtung bleiben sichtbar; die Glasfassade erlaubt zudem einen Einblick von außen. Der Stahlbetonskelettbau kommt mit wenigen Stützen aus, die wie die Decke in Sichtbeton ausgeführt sind, die Bühnenrückwand ist aus Lochziegeln.
(1) db 31 (1897), S. 77-81, 91-94, 102 f.; ZdB 17 (1897), S. 51-54; db 32 (1898), S. 555 f.; Schweizerische Bauzeitung 32 (1899), S. 192; ZdB 19 (1899), S. 44, 194-197; Baukunde des Architekten, bearb. v. d. Hrsg. d. Deutschen Bauzeitung und des Deutschen Baukalenders, 2. Bd., 4. Teil, 2. Aufl. Berlin 1900, S. 365, 367; Baugewerkszeitung 64 (1902), S. 1387 f.; ZdB 22 (1902), S. 529-534, 541-547, 565-570; db 36 (1902), S. 561-563, 573-578; Architektonische Rundschau 1903, S. 73-75; BAW 5 (1903), Abb. 577-580, 582-584; db 37 (1903), S. 40; BW 1 (1910), H. 18, S. 9; Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Stadt und Bezirk Charlottenburg, bearb. von Irmgard Wirth, Text- u. Tafelband, Berlin 1961, S. 260-265; Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten, Teil V, Bd. A, Bauten für die Kunst, Berlin-München 1983, S. 153; Geschichtslandschaft Berlin, Orte und Ereignisse, Bd. 1, hrsg. v. Helmut Engel, Stefi Jersch-Wenzel, Wilhelm Treue, Charlottenburg, Teil 1, Die historische Stadt, Berlin 1986, S. 586-603; Christine Fischer-Defoy, Kunst, Macht, Politik, Die Nazifizierung der Kunst- und Musikhochschulen in Berlin, Berlin 1988; Der Campus, Ein Architekturführer durch das Gelände der Hochschule der Künste und der Technischen Universität Berlin, hrsg. v. Michael Bollé, Berlin 1994, S. 27-30; Christine Fischer-Defoy, Die Westberliner Kunst- und Musikhochschulen im Spannungsfeld der Nachkriegszeit, Berlin 2001; Nitsch, Ute: Charlottenburg-Wilmersdorf von A bis Z, Ein Lexikon, hrsg. v. Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, Berlin 2003, S. 272; Schenk, Dietmar: Die Hochschule für Musik zu Berlin, Preußens Konservatorium zwischen romantischem Klassizismus und Neuer Musik, 1869-1932/33 (Beiträger zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, hrsg. von Rudiger vom Bruch u. Eckart Henning, Bd. 8), Stuttgart 2004; Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten, Teil V, Bd. B, Hochschulen, Petersberg 2004, S. 170-174, 305.
(2) NBW 4 (1949), S. 63-79; Baukunst und Werkform 7 (1954), S. 178; Architektur und Wohnform 63 (1954/55), S. 63-79; 68 (1960), S. 255; BW 45 (1954), S. 290, 961-971; 46 (1955), S. 364-366; 48 (1957), S. 566; 61 (1970), S. 1589-1592; 68 (1977), S. 569-573; The Architect and Building News 12 (1955), S. 354-360; L'architecture d'aujourd'hui 27 (1957), H. 71, S. 78-90; Handbuch moderner Architektur, hrsg. von Reinhard Jaspert, Berlin 1957, S. 749; Informes de la Construcción 18 (1957), Nr. 4, S. 146-149; Theil, Hans Wolfram: Saalbau, München 1959, S. 232 f.; Architektur und Wohnform 8 (1960), S. 255; Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Stadt und Bezirk Charlottenburg, bearb. von Irmgard Wirth, Text- u. Tafelband, Berlin 1961, S. 262; Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten, Teil V, Bd. B, Hochschulen, Petersberg 2004, Nr. 23; Rave, Rolf/Knöfel, Hans-Joachim: Bauen der 70er Jahre in Berlin, Berlin 1981, Nr. 247; BusB V A, S. 137-139, 154; Paul Baumgarten, Bauten und Projekte 1924-1981, hrsg. v. Akademie der Künste, Berlin (Schriftenreihe der Akademie der Künste, Bd. 19), Berlin 1988, S. 148-153; Beseler, Hartwig/Gutschow, Niels: Kriegsschicksale Deutscher Architektur, Verluste, Schäden, Wiederaufbau, Eine Dokumentation für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 1: Nord, Neumünster 1988, S. 147; Campus 1994, S. 30 f.; Wörner, Martin/Mollenschott, Doris/Hüter, Karl-Heinz: Architekturführer Berlin, 5. Aufl. Berlin 1997, S. 166, Nr. 275; Huse, Norbert (Hrsg.): Verloren, gefährdet, geschützt, Baudenkmale in Berlin, Berlin 1988, S. 144-146; Annette Menting, Paul Baumgarten, Schaffen aus dem Charakter der Zeit (Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, hrsg. vom Landesdenkmalamt Berlin, Beiheft 27), Berlin 1998, S. 122-168; Bauen in Berlin, 1900-2000, hrsg. v. Josef Paul Kleihues, Jan Gerd Becker-Schwering, Paul Kahlfeldt, Ausstellungskat., Berlin 2000, S. 220, Aufsatz-Bd., S. 274; Worbs, Dietrich: Einblicke in die Berliner Denkmal-Landschaft, Berlin 2002, S. 226 f.; 50 Jahre Konzertsaal Universität der Künste, 1954-2004 (Schriften aus dem Archiv der Universität der Künste Berlin, Bd. 6, hrsg. von Dietmar Schenk), Berlin 2004; BusB V B, S. 177-179, 306.
(3) Vorausgegangen war 1949 ein Wettbewerb, zu dem neun Architekten eingeladen wurden: Baumgarten, Gebrüder Luckhardt, Paul Jacob Schallenberger (wie Baumgarten ein ehemaliger Mitarbeiter im Büro von Paul Mebes), Elster & Gerber, Rudolf Ullrich, das auslobende Hauptbauamt für Hochbau und das Hochbauamt Charlottenburg. In der Jury saßen unter anderem der Stadtbaudirektor Paul Bonatz, Heinrich Tessenow, Max Taut und der Direktor der Hochschule für Musik Paul Höffer. Elster & Gerber und Rudolf Ullrich nahmen auch am Wettbewerb für die Neubauten der Freien Universität in Dahlem teil. Vgl. Bollé, Michael: Der Wettbewerb, Der Neubau des Konzertsaals der Hochschule für Bildende Künste im Kontext des Berliner Hochschulbaus nach 1945. In: 50 Jahre Konzertsaal Universität der Künste, 1954-2004 (Schriften aus dem Archiv der Universität der Künste Berlin, Bd. 6, hrsg. von Dietmar Schenk), Berlin 2004, S. 21-30.
(4) Der heutige Schriftzug auf dem Vordach wurde erst 1993 angebracht.
(5) Grundlage für die gute Akustik sind Konstruktion und Materialwahl, die ein anfängliches Ausbreiten des Schalls und einer anschließenden Bündelung bewirken, sodass die Lautstärke in den hinteren Reihen zunimmt. Der Saal weist in leerem und voll besetztem Zustand eine etwa gleichgroße Schallabsorption auf, was für Proben von großem Vorteil ist, da sich die Akustik nur unwesentlich verändert. 2009 erneuerte man die Bestuhlung im Parkett, im Rang wurde sie aufgearbeitet. Der Einbau einer neuen Bühnenanlage ist geplant.
(6) BW 61 (1970), S. 1589-1591; 68 (1977), S. 569-573; Bühnentechnische Rundschau 69 (1975), H. 6, S. 13-16; Rave/Knöfel 1981, Nr. 247; BusB V A, S. 156; Baumgarten 1988, S. 238-240; Beseler/Gutschow 1988, S. 147; Campus 1994, S. 32 f.; Menting 1998, S. 273-289.
Literatur:
- Bauten der 70er Jahre in Berlin / Seite Obj. 247
- Bauwelt 61 (1970) / Seite 1589-1592
- Bauwelt 68 (1977) / Seite 569-573
- Bühnentechnische Rundschau (1975) 6 / Seite 13-16
- BusB V A 1983 / Seite 156
- Rave/ Knöfel: Bauen seit 1900 / Seite Obj. 22-23, 106
- Reclam Berlin, 1977 / Seite 457 (1.Aufl.), 289 (4.Aufl.)
- Baukunst und Werkform (1954) / Seite 178
- Inventar Charlottenburg, 1961 / Seite 263-265
- Berliner Baubuch, 1961 / Seite 30
- Bauwelt 45 (1954) / Seite 290, 961-971
- Bauwelt 46 (1955) / Seite 364-366
- Bauwelt 48 (1957) / Seite 566
- Neue Bauwelt 4 (1949) / Seite 656-659
- Handbuch moderner Architektur 1957 / Seite 749
- Theil, Hans Wolfram: Saalbau, München 1959 / Seite 232f.
- BusB V A 1983 / Seite 137-139, 154
- Worbs, Dietrich: Offenheit und Transparenz, in: Verloren - gefährdet - geschützt, Berlin 1988 / Seite 144-146
- Lux, Wiedemann: Paul Baumgarten, 1988 / Seite 148-153
- Engel, Helmut: Die Architektur der 50er Jahre in Berlin, in: Berlin-Forschungen III, 1988 / Seite .
- Dehio, Berlin, 1994 / Seite 191
- Berlin-Forschungen III, 1988 / Seite 290
- Architekturführer Berlin, 1989 / Seite Nr. 151
- Baumeister, Architekten, Stadtplaner, 1987 / Seite 599
- Reissig, Harald: Hochschule für Musik, in: Geschichtslandschaft, Charlottenburg 1, 1986 / Seite 586-603
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