Denkmaldatenbank

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

Obj.-Dok.-Nr. 09040472
Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf
Ortsteil Charlottenburg
Adressen Breitscheidplatz
Denkmalart Gesamtanlage
Sachbegriff Kirche ev.
Datierung 1891-1895, 1959-1963
Entwurf Schwechten, Franz Heinrich (Architekt)
Entwurf Schaper, Hermann & Breuer, Peter & Haverkamp, Wilhelm (Architekt)
Entwurf Schaper, Fritz
Entwurf Eiermann, Egon
Entwurf Loire, Gabriel
Entwurf Hemmeter, Karl
Ausführung Grün und Bilfinger AG (Baugeschäft)
Bauherr Ev. Kirchenbauverein für Berlin

Das Zentrum des Breitscheidplatzes bilden Turmruine und Neubau der Evangelischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. (1) Von dem 1891-95 nach Entwurf von Franz Heinrich Schwechten auf Betreiben von Evangelischem Kirchenbauverein und Kaiser Wilhelm II. entstandenen Kirchenbau ist heute nur noch ein Fragment der Eingangshalle mit der Ruine des Hauptturms erhalten. (2) Die Gedächtniskirche gehörte damals zu den teuersten und prachtvollsten neoromanischen Kirchenbauten des Kaiserreiches und sollte im Sinne eines Nationaldenkmals der Verherrlichung des Hauses Hohenzollern dienen. (3) Heute bildet die Ruine der im Krieg zerstörten Kirche mit dem 1959-63 nach Entwurf von Egon Eiermann errichteten Neubau ein einzigartiges Bauensemble, das in der Nachkriegszeit zu einem der wichtigsten Wahrzeichen von West-Berlin wurde. (4) Die Einweihung der neuen Kirche unmittelbar nach dem Mauerbau im Dezember 1961, als der Bau noch nicht vollständig abgeschlossen war, bezeugt ihre politische Bedeutung. Die aus dem Stumpf des Hauptturms und einer reich mit Mosaiken geschmückten Gedenkhalle bestehende Turmruine wurde 2009-15 umfassend saniert. Auch die Bauten der neuen Kirche wurden seit 2015 aufwendig instand gesetzt: die Kapelle ist seit 2017 wieder eröffnet, Turm und Kirche wurden bis 2023 fertig gestellt.

Im November 1943 war die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von einer Luftmine getroffen und durch die Gefechte der letzten Kriegstage weiter beschädigt worden. Ein Großteil der Außenmauern mit der Chorfassade stand zwar noch, trotzdem diskutierte man zunächst den Abriss und einen Neubau andernorts im Quartier. Nachdem sich Gemeinde, Stiftung und Bevölkerung jedoch für den Erhalt der Kirchenruine ausgesprochen hatten, wurde ein Neubau als Ergänzung beschlossen. (5) Die wilhelminische Architektur der Kirche war sowohl zur Erbauungszeit wie auch nach dem Krieg höchst umstritten, doch als Ruine erlebte sie einen Bedeutungswandel zum Mahnmal. Das Gotteshaus, das als Gedächtniskirche für Kaiser Wilhelm I. erbaut worden war, wurde nun zu einem Zeichen des Gedächtnisses an die "verlorene Mitte" der deutschen Hauptstadt. (6)

In dem 1956 ausgelobten Wettbewerb hatte sich auch Egon Eiermann zunächst für einen Abriss der Ruine ausgesprochen und ein Ensemble von Kirche, Glockenturm und Taufkapelle auf einer rechteckigen Platte projektiert. In der endgültigen Entwurfsfassung, welche die Ruine der alten Kirche einzubeziehen hatte, entschied er sich für eine Platzierung der frei stehenden Bauten rund um die Ruine auf einer um sechs Stufen erhöhten Plattform, die durch den Verzicht auf Axialität den Eindruck einer freien Gruppierung erzeugt. Die Fassaden des achteckigen Kirchenbaus mit anschließendem rechteckigem "Foyer" (Gemeinderäume und Sakristei), des sechseckigen Glockenturms und der rechteckigen Kapelle werden bestimmt durch gerasterte Betonfertigteile, die in das sichtbare Stahlskelett der Gebäude eingelassen und deren Waben mit farbigen Dickglasscheiben gefüllt sind. (7) Die zumeist blauen Glasbausteine mit roten, grünen und goldenen Einschlüssen nach Entwurf des Glaskünstlers Gabriel Loire aus Chartres ermöglichen eine einzigartige Lichtinszenierung, die den ungeteilten Innenraum der Kirche tagsüber in ein meditatives blau-buntes Licht taucht und nachts Kirche und Turm blau erstrahlen lässt, denn die Wände sind innen und außen bis auf die Sockelzone vollständig in die Wabenstruktur mit den Glasbausteinen aufgelöst. Aus akustischen Gründen ist das Kircheninnere von einer doppelten Raumschale umfasst. Das Tageslicht fällt durch beide Glaswände hindurch, in der Nacht lassen Lampen im mehr als zwei Meter breiten Zwischenraum die Kirche nach außen erstrahlen. Sämtliche Möbel und Ausstattungsstücke der vier Bauten wurden von Egon Eiermann gestaltet, einzige Ausnahme ist die Christusfigur des Bildhauers Karl Hemmeter über dem Hauptaltar. Der Fußboden aus runden, unterschiedlich großen, zum Teil farbig glasierten Keramikplatten, der sich von der Sockelplatte außen ins Innere hineinzieht, der schlichte Altartisch, Bestuhlung und Kanzel wurden ebenso vom Architekten entworfen wie Lampen, Kerzenleuchter, Taufschale und der Orgelprospekt. Durch einen Gang mit der Kirche verbunden, aber außerhalb der Sockelplatte stehend, schließt sich das Foyer-Gebäude an, das im Erdgeschoss die Sakristei und im Untergeschoss eine Bibliothek enthält; auch hier füllen die gerasterten Betonelemente das Stahlskelett aus. Die Kapelle, die als vollständig verglaster Raumkubus, umschlossen von einer oben offenen Wandschale aus Betonwaben, gestaltet ist, ragt ebenfalls über den Sockel hinaus, sodass beide Flachbauten das Gebäudeensemble auf der Plattform mit dem Stadtraum verbinden. Alle Bauteile der neuen Kirche sind so arrangiert, dass sie respektvoll Abstand zur Turmruine wahren, sich aber beim Umrunden der Anlage immer wieder in den Blick auf diese schieben. Am Ende war Eiermann mit dem Erhalt der Ruine versöhnt; bei der Einweihung äußerte er: "Meine neue Kirche könnte in jeder Stadt stehen, aber mit der Turmruine verbunden, ist sie ein einmaliges, nur in Berlin mögliches Bauwerk." (8)


(1) db 29 (1895), S. 433-435, S. 445-447, T. 70; ZdB 15 (1895), S. 373-376; Architekten-Verein zu Berlin u. Vereinigung Berliner Architekten (Hrsg.): Berlin und seine Bauten, Bd. II, Berlin 1896, S. 187; Mirbach, Ernst von: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin 1897; BAK 14 (1901), S. 75, 81, 89 f., T. 99-103; 15 (1902) S. 33 f., T. 43; Wettbewerb Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. In: Bauwelt 47 (1956), H. 47, S. 1114; Conrads, Ulrich: Ceterum... Zum Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. In: Bauwelt 49 (1958), H. 8, S. 171-176; Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Stadt und Bezirk Charlottenburg, bearb. von Irmgard Wirth, Text- u. Tafelband, Berlin 1961, S. 74-82, Abb. 51-61; Conrads, Ulrich: Die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. In: Bauwelt 53 (1962), H. 4, S. 95-98; Kühne, Günther/Stephani, Elisabeth: Evangelische Kirchen in Berlin, Berlin 1987, S. 33-35; Frowein-Ziroff, Vera, Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin 1982; Schirmer, Wulf (Hrsg.): Egon Eiermann 1904-1970, Bauten und Projekte, Stuttgart 1984, S. 164-171; Geschichtslandschaft Berlin, Orte und Ereignisse, Bd. 1, hrsg. v. Helmut Engel, Stefi Jersch-Wenzel, Wilhelm Treue, Charlottenburg, Teil 2, Der neue Westen, Berlin 1985, S. 299-324; Baumann-Wilke: Sabine: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von Egon Eiermann in West-Berlin, Diss. Braunschweig 1988; Egon Eiermann, Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, hrsg. v. Kristin Feireiss, Berlin 1994; Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten, Teil VI, Sakralbauten, Berlin 1997, S. 91, 236-238, 373, 419 f.; Worbs, Dietrich: Einblicke in die Berliner Denkmal-Landschaft, Berlin 2002, S. 161-169; Egon Eiermann (1904-1970), Die Kontinuität der Moderne, hrsg. v. Annemarie Jaeggi, Ostfildern-Ruit 2004, S. 50-59, 172-177; Egon Eiermann, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Berlin 1961-2011, hrsg. v. Kai Kappel u. Ev. Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde Berlin, Lindenberg im Allgäu 2011; Baukunst der Nachkriegsmoderne, Architekturführer Berlin 1949-1979, hrsg. v. Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert, Gabi Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 15-18.

(2) Der Kirchenbauverein wurde 1890 gegründet, um Säkularisierungstendenzen entgegenzutreten, die mit dem zunehmenden Einfluss der Sozialdemokratie verbunden wurde. Wilhelm II. wollte seinem Großvater, unter dem das Deutsche Kaiserreich gegründet wurde, ein Denkmal setzen. Der mit Spenden finanzierte Bau sollte den Zusammenhalt von Volk und Kaisertum sowie im Kontext des privatwirtschaftlichen Baugeschehens am Kurfürstendamm ein Bekenntnis zur Monarchie demonstrieren. Vgl. Geschichtslandschaft Charlottenburg 1985, Teil 2, S. 303 ff.; https://www.gedaechtniskirche-berlin.de/page/2627/archiv-ge schichte#Chronik%20der%20Gemeinde

(3) Die auch als "germanischer" Stil bezeichnete Neoromanik wurde von den Hohenzollern wiederholt für Repräsentationsbauten gewählt, stellte sie doch eine direkte Linie zum mittelalterlichen Kaisertum der Staufer her. In der Nähe der Kirche wurden auch die beiden bis 1901 entstandenen Romanischen Häuser und die 1905-06 von Carl Gause erbauten Ausstellungshallen am Zoo neoromanisch gestaltet. Vgl. Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten, Teil IV, Wohnungsbau, Bd. B, Die Wohngebäude, Mehrfamilienhäuser, Berlin-München-Düsseldorf 1974, S. 184 f.; Geschichtslandschaft Charlottenburg 1985, Teil 2, S. 275-278, 325-329.

(4) Die Kirche zierte Bücher, Stadtpläne, Briefmarken und Werbematerial für den Stadttourismus. Vgl. Pehnt, Wolfgang: Die Grenzen der Regeln, Egon Eiermanns Gedächtniskirche in ihrer Zeit. In: Eiermann 1994, S. 7-15.

(5) Eigentümer der Kirche ist seit 1903 die vom Kirchenbau-Verein gegründete und 1904 landesherrlich (zu der Zeit war der Landesherr auch das Oberhaupt der Kirche) genehmigte Stiftung "Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche", die von der Stadt Charlottenburg das Erbbaurecht für das Grundstück erhielt. Sie fungiert seitdem als Bauherr sämtlicher Baumaßnahmen. Vertretungsorgan der Stiftung ist das gewählte Kuratorium. Vgl. https://www.gedaechtniskirche-berlin.de/page/2627/archiv-ge schichte#Chronik%20der%20Gemeinde

(6) Conrads, Ulrich: Die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. In: Bauwelt 53 (1962), H. 4, S. 95.

(7) Die Wandfelder der Kirche sind innen und außen in unterschiedlich große Waben aufgeteilt: Wegen der größeren Entfernung sind außen je Feld 5x5 Waben angeordnet, innen wurde mit 7x8 Waben eine kleinere und etwas gestreckte Proportion gewählt. Auch der Glockenturm ist wie die Außenseite der Kirche mit Feldern aus 5x5 Waben gegliedert, das Foyer-Gebäude mit 8x8, die Kapelle wiederum mit 7x8 Waben. Vgl. Pehnt, Wolfgang: Die Grenzen der Regeln, Egon Eiermanns Gedächtniskirche in ihrer Zeit. In: Eiermann 1994, S. 14.

(8) Conrads, Ulrich: Die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. In: Bauwelt 53 (1962), H. 4, S. 98.

Literatur:

  • Mirbach, Ernst von: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächniskirche, Berlin 1897 / Seite .
  • Mann, Albrecht: Die Neuromanik, Köln 1966 / Seite .
  • Bringmann, M.: Studien zur neuromanischen Architektur in Deutschland, Heidelberg 1968 / Seite .
  • Frowein-Zieroff, Vera: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächniskirche, Berlin 1982 / Seite .
  • Streich, W. J., Franz Heinrich Schwechten, in: Baumeister, Architekten, Stadtplaner, 1987 / Seite 257-276
  • Inventar Charlottenburg, 1961 / Seite 74-82
  • Berliner Architekturwelt 4 (1902) / Seite 208
  • Reissig, Harald: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächniskirche, in: Geschichtslandschaft, Charlottenburg 2, 1985 / Seite 299-324 (dort weitere Lit.)
  • Schirmer, Wulf (Hrsg.): Egon Eiermann 1904-1970. Bauten und Projekte, Stuttgart 1984, / Seite 164-171
  • Rolf Rave, Rolf; Knöfel, Hans-Joachim: Bauen seit 1900 in Berlin. Berlin 1968, Nr. 13 / Seite .
  • Streich, Wolfgang J.; Franz Heinrich Schwechten, in: Ribbe, Wolfgang ; Schäche, Wolfgang (Hrsg.): Baumeister, Architekten, Stadtplaner. Biografien zur baulichen Entwicklung Berlins. Berlin 1987 / Seite 257-276
  • Architekturführer Berlin, 1991 / Seite 42
  • Worbs, Dietrich: Die Gedächtnis-Kirche - Ruine und Neubau, in: Worbs, Dietrich: Einblicke in die Berliner Denkmal-Landschaft, Berlin 2002 / Seite 161-169
  • Feireiss, Kristin (Hrsg.): Egon Eiermann - Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Berlin 1994 / Seite .

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