Denkmaldatenbank

Königlich Preußisches Oberverwaltungsgericht (ehem.), Bundesverwaltungsgericht

Obj.-Dok.-Nr. 09020677
Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf
Ortsteil Charlottenburg
Adressen Hardenbergstraße 31

Jebensstraße 4
Denkmalart Baudenkmal
Sachbegriff Gericht
Datierung 1905-1907
Entwurf Kieschke, Paul & Fürstenau, Eduard (Architekt)
Ausführung Endell, August (Architekt)

Auf dem damals noch unbebauten Gelände an der Ecke Hardenbergstraße und Jebensstraße wurde 1905-07 das Königlich-Preußische Oberverwaltungsgericht, Hardenbergstraße 31, errichtet. Im März 1905 nach einem Entwurf von Oberbaurat Paul Kieschke begonnen, wurde es nach dessen Tod im gleichen Jahr unter der Leitung von Eduard Fürstenau bis September 1907 fertig gestellt. (1) Für das 1875 in Preußen eingesetzte Oberverwaltungsgericht war der erste eigene Neubau auf Initiative von Wilhelm Jebens in Charlottenburg angesiedelt worden. (2) Das imposante, an den Straßenfassaden vollständig mit Werkstein verkleidete und in neobarocker Formensprache gestaltete Gebäude gehört zu den wilhelminischen Justizbauten, die um die Jahrhundertwende in Berlin und den umgebenden Städten in großer Zahl entstanden und mit ihrer Architektur Bedeutung und Würde des Rechts repräsentieren sollten. (3) Das im Zweiten Weltkrieg nur leicht beschädigte Gebäude (4) wurde von 1953 bis 2002 vom Bundesverwaltungsgericht genutzt; seit 2005 ist hier der Sitz des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg. (5)

Der mächtige viergeschossige Baukörper um zwei große Innenhöfe und einen kleineren Nebenhof wird von hohen Mansarddächern und zwei geschweiften Turmhauben aus Kupfer bekrönt. Die 77 Meter lange, mit Würzburger Muschelkalk verkleidete Hauptfassade an der Hardenbergstraße dominiert ein erhöhter Mittelrisalit, der sowohl durch das reich dekorierte Hauptportal als auch durch eine mit vier Figuren geschmückte Attika betont wird. (6) Das aufwendig gerahmte und von einem gesprengten Giebel überfangene Portal ist von zwei Säulen flankiert, auf denen zwei weibliche Sitzfiguren des Bildhauers Otto Markert das "Ergründen des Urteils und seine Verkündigung" symbolisieren. (7) Ein Dreiecksgiebel über dem Risalit, die horizontale Gliederung der Straßenfront in eine zweigeschossige, kräftig rustizierte Sockelzone und Obergeschosse mit Kolossalordnung aus korinthischen Pilastern sowie das Palladio-Motiv der Fenster am ersten Obergeschoss vervollständigen die an einen barocken Palast angelehnte Fassadengestaltung. Die Front zur Jebensstraße mit Hofeinfahrten ist ähnlich aufgeteilt; hier bedeckt der Muschelkalk jedoch nur die zwei flachen Seitenrisalite, der Rest ist in Tuffstein ausgeführt. Im Mittelflügel im Zentrum des Gebäudes war die Bibliothek angeordnet, wo auf vier Geschossen die Bücher in Magazinaufstellung auf eisernen Regalen standen. (8) Im Inneren wurde auf die Ausgestaltung der Sitzungssäle, der Hauptflure und der Eingangshalle mit Haupttreppenhaus besonderer Wert gelegt: Die Säulen und Wandverkleidungen aus Marmor, Onyx und Stuckmarmor, Reliefs und Decken aus Stuck sind zum größten Teil erhalten. Die ehemals aufwendige ausgestattete Dienstwohnung des Gerichtspräsidenten ist in Büros aufgeteilt.


(1) Bauleitung: August Endell. Vgl. ZdB 25 (1905), S. 210 f.; BAW 11 (1909), S. 134-137, Abb. 144-147; ZfB 59 (1909), Sp. 42-55, Atlas 8-11; BW 4 (1913), S. 39; Preußisches Verwaltungsblatt 47 (1925), S. 75-88; Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Stadt und Bezirk Charlottenburg, bearb. von Irmgard Wirth, Text- u. Tafelband, Berlin 1961, S. 177-179; Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten, Teil III, Bauwerke für Regierung und Verwaltung, Berlin-München 1966, S. 69, 79; Wörner, Martin/Mollenschott, Doris/Hüter, Karl-Heinz: Architekturführer Berlin, 5. Aufl. Berlin 1997, S. 167, Nr. 277; Nitsch, Ute: Charlottenburg-Wilmersdorf von A bis Z, Ein Lexikon, hrsg. v. Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, Berlin 2003, S. 48 f.

(2) Nach Wilhelm Jebens (1830-1907), Senatspräsident am Oberverwaltungsgericht und später Stadtrat in Charlottenburg, war 1912 die Privatstraße westlich des Bahnhofs Zoologischer Garten benannt worden.

(3) Um 1900 wurden insgesamt 17 Neubauten ausgeführt. Vgl. BusB III, S. 65 ff.

(4) Das Dach wurde beschädigt und Anfang der 1950er Jahre wiederhergestellt, die Innenräume teilweise neu ausgestattet. Vgl. Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Stadt und Bezirk Charlottenburg, bearb. von Irmgard Wirth, Text- u. Tafelband, Berlin 1961, S. 177.

(5) 2002 wurde das Bundesverwaltungsgericht nach Leipzig verlegt und das Berliner Oberverwaltungsgericht zog aus dem gegenüberliegenden 1957-58 errichteten Gebäude Hardenbergstraße 21 zurück in den Altbau. Das Gerichtsgebäude der 1950er Jahre stand ab 2007 leer und wurde 2010-12 zum Hotel/Hostel mit 850 Betten in 232 Zimmern umgebaut. Vgl. www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-hotellerie-city-west-ei n-hostel-kommt-das-andere-geht/7046976.html

(6) Die Attikafiguren (Pallas Athene, Schmied, Krieger und Justitia) symbolisieren Wissenschaft, Arbeit, staatliche Gewalt und Recht. Ausgeführt wurden sie von den Bildhauern Benndorf und Stephan Walter. Vgl. ZfB 59 (1909), Sp. 51.

(7) ZfB 59 (1909), Sp. 50.

(8) Die Bücher sind mit dem Bundesverwaltungsgericht nach Leipzig umgezogen. Auf dem Bibliothekstrakt gibt es eine Dachterrasse.

Literatur:

  • BusB III 1966 / Seite 69-79, dort weitere Literatur
  • Inventar Charlottenburg, 1961 / Seite 177-179, dort weitere Literatur
  • Berliner Architekturwelt 11 (1909) / Seite 134ff.
  • Preußisches Verwaltungsblatt (1925) 47 / Seite 75-88
  • Die Öffentliche Verwaltung (1976) 6 / Seite 195-198
  • Zentralblatt der Bauverwaltung 25 (1905) / Seite 210f
  • Zeitschrift für Bauwesen 59 (1909) / Seite Sp. 42-55, Atlas 8-11
  • Bauwelt 4 (1913) 39 / Seite 25

Kontakt

Juliane Stamm
Landesdenkmalamt Berlin
Redaktion Denkmalinformationssystem

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